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»Ich lebe meine Leidenschaft«

VON PETRA SCHÖBEL

PFULLINGEN. »Ich war schon immer ein bunter, schräger Vogel«, sagt Cornelia Pikal über sich selbst. Damit versucht sie zu umschreiben, dass sie die sprichwörtliche »kreative Ader« hat und sich von ihr durchs Leben leiten lässt: Wenn ihr etwas einfällt, besorgt sie sich die nötigen Materialien und setzt die Idee um. Seit einigen Jahren hat sie sich auf die Arbeit mit Wolle spezialisiert und schwärmt: »Ich liebe es, dieses schöne Material mit den Händen zu verarbeiten.«

Cornelia Pikal in ihrem heimischen Atelier in Pfullingen, wo sie wunderschöne Dinge aus Strickfilz herstellt

Das tut sie vor allem beim Strickfilzen, eine Technik, die sie professionalisiert und über die sie vor ein paar Jahren ein Buch geschrieben hat. »Damals war das ein Bestseller«, betont sie, ein bisschen stolz, »aber jetzt ist Filzen out.« Sie hält trotzdem daran fest und gestaltet kunstfertige Gebrauchsgegenstände.

Mit ihren Umhängetaschen – Unikate aus Strickfilz, Leder und selbst gefertigten Applikationen -, gehäkelten Stulpen-Handschuhen, Topfuntersetzern und Dekogirlanden aus Filzkugeln ist sie auf Kreativ- und Kunsthandwerkermärkten in ganz Süddeutschland präsent.

 

»Es fing damit an, dass ich für meine Kinder Themenpullover gestrickt habe«

 

Die Kreativität hat sie geerbt, da ist sie sich sicher. »Mein Vater sagte oft: Man kann alles machen, außer warmen Eiszapfen«, erzählt sie. Kunst war ihr Lieblingsfach in der Schule. Und eigentlich wollte sie, mit dem Realschulabschluss in der Tasche, auf die Designschule in Stuttgart gehen. »Den Platz hatte ich schon«, sagt sie. Doch auch auf die Bewerbung für eine Lehrstelle als Fotogravurzeichnerin – heute heißt der Beruf Mediengestalter – erhielt sie eine Zusage. Sie entschied sich ganz pragmatisch für die Ausbildung: »Da konnte ich gleich Geld verdienen.«

In der Freizeit war sie sportlich aktiv. Sie spielte Eishockey bei den Pesky-Kids, damals eine Spielgemeinschaft aus Reutlinger und Esslinger Spielerinnen. »An den Wochenenden waren wir immer unterwegs«, erinnert sie sich und ergänzt: »Wir waren sehr ehrgeizig!« 1983 sicherte sich das Frauenteam sogar den deutschen Meistertitel.

Nach der Lehrzeit arbeitete sie noch drei Jahre in ihrem Beruf. »Dann habe ich Schlag auf Schlag vier Kinder bekommen«, erzählt sie, »und war 17 Jahre daheim.« In dieser Zeit konnte sie ihre Kreativität neu entfalten. »Es fing damit an, dass ich für meine Kinder Themenpullover gestrickt habe, mit Clowns, Luftballons und vielen anderen Motiven.« Dann verlegte sie sich aufs Marionettenbauen, gestaltete Themenzimmer für das Hotel »Schwanen« in Metzingen, bemalte dort auch das Garagentor.

Seit 2003 arbeitete sie als Fittingmodel bei Hugo Boss in Metzingen, wo damals Andrea Cannelloni Chefdesigner war. »An mir wurden die neuen Kollektionen geschneidert«, erklärt sie. Zehn Jahre lang hatte sie Einblick in die Designerwelt und bekam hautnah mit, wie eine Modeidee in die Praxis umgesetzt wird.

Diese Erfahrungen kommen ihr jetzt zugute. Neben dem Job widmete sie sich schon eigenen Projekten. »Zu der Zeit grassierte das Strickfilzfieber«, sagt Cornelia Pikal. Und es hatte auch sie voll erfasst: »Ich habe damals alle mit Filzhausschuhen bestrickt.« Keine Frage, dass ihre unkonventionellen Kreationen sich vom »üblichen« Filzkunsthandwerk unterschieden. Bei ihren ersten Verkaufsversuchen sammelte sie wichtige Erkenntnisse. »Ich saß bei 30 Grad auf dem Pfullinger Kreativmarkt hinter meinen Hausschuhen und habe nicht ein einziges Paar verkauft«, berichtet sie schmunzelnd.

Mit besserem Gefühl fürs Timing wurden ihre Filzwaren dann doch ein Erfolg. Und sie brachten ihr den Auftrag ein, über das Strickfilzen ein Buch zu schreiben. »Mein Strickfilz-Design« erschien 2011 und war gleich sehr gefragt.

Seit sie bei Boss aufgehört hat, ist die Produktion schöner Filzprodukte ihr Lebensinhalt. In jede ihrer selbst designten Taschen oder Teppiche steckt sie viele Arbeitsstunden. Und sie liefert einem Freiburger Großhandel, der Eine-Welt-Läden in ganz Deutschland beliefert, neue Ideen, nach denen in Nepal unter fairen Bedingungen Gebrauchsgegenstände und Dekoartikel aus Filz hergestellt werden.

Die Umsetzung ihrer ersten Entwürfe ließ allerdings zu wünschen übrig: Die Handytaschen oder Wärmflaschenbezüge waren kaum als solche zu erkennen. Deshalb reiste Cornelia Pikal vor vier Jahren erstmals selbst nach Nepal, um den Handarbeiterinnen dort die richtige Technik zu zeigen. Dieser erste Aufenthalt dort war für sie Kulturschock und Erweckungserlebnis gleichzeitig. »Die Leute hatten überhaupt kein Material für die vorbereitenden Arbeiten«, sagt sie. »Ich habe Skizzen auf meinem Flugticket gezeichnet und aus Dachpappe und einem Röntgenbild Schablonen geschnitten.« Dem Mangel konnte sie trotzdem noch etwas Gutes abgewinnen: »Dort wird improvisiert, und das liebe ich!«

Seither reist sie jedes Frühjahr und jeden Herbst einen Monat lang nach Nepal. Und nimmt alles mit, was dort fehlt: Stecknadeln, Sicherheitsnadeln, Nadeleinfädler (»Die haben die Frauen total verzückt, das kannten sie gar nicht!«), Perlen zum Verzieren. Die vielfarbige Wolle wird direkt aus Australien geliefert. »Als ich dort zum ersten Mal im Wolllager war, habe ich mich gefühlt wie im Schlaraffenland«, schwärmt sie.

 

»Es schwirrt noch so viel in meinem Kopf herum, das umgesetzt werden möchte«

 

Mittlerweile hat sie den nepalesischen Frauen auch eine neue Art des Filzens beigebracht. Zum Start einer neuen Produktion fertigt sie vor Ort jeweils zwei Prototypen an: »Einer bleibt dort, damit die Frauen das Muster immer vor Augen haben, der andere geht nach Freiburg und wird auf Messen gezeigt«, berichtet sie.

Nach etlichen Besuchen in Nepal hat sie das Land und seine Menschen kennen- und lieben gelernt. Sie ist dort schon viel gereist und dabei auf verschiedenste Projekte gestoßen, die den Menschen helfen, ihr Auskommen zu sichern. Seit einiger Zeit lässt sie in Nepal auch auf eigene Rechnung schöne Filz- und Wollprodukte herstellen, die sie hier zusammen mit ihren eigenen Kreationen auf Kunsthandwerksmärkten, Weihnachtsmärkten und Messen, aber auch über ihre Homepage verkauft.

In Heimarbeit häkeln Frauen Handschuhe und Stirnbänder nach ihren Entwürfen. »In diesem Winter gibt es sie unter anderem auch aus silbernem Lurexgarn«, sagt sie. Für den Sommer werden hauchzarte Boleros gestrickt. Von einem Frauenprojekt im Süden Nepals bezieht Cornelia Pikal seidene Einkaufstaschen. »Darin verpacke ich meine Waren, das ist dann ein kleiner Obolus für die Kunden.« Den Frauen verschafft sie mit ihren Aufträgen eine sichere Einnahmequelle.

Im September wird sie wieder für vier Wochen nach Nepal reisen, um den Filzerinnen, den Nähern (»An der Nähmaschine arbeiten dort ausschließlich Männer«) und den Handarbeiterinnen, die stricken und häkeln, ihre neuen Ideen und Kreationen nahe zu bringen. »Es schwirrt noch so viel in meinem Kopf herum, das raus will und umgesetzt werden möchte«, sagt sie. Mitbringen wird sie wieder viele neu Eindrücke und Inspirationen. Und vielleicht neue Statuen oder andere Paraphernalien der buddhistischen Kultur, mit denen sie stilvoll ihr Pfullinger Wohnhaus schmückt. Dass sich ihr Leben in diese Richtung entwickelt hat, empfindet sie als großes Glück: »Ich lebe meine Leidenschaft!« (GEA)

FOTO: Petra Schöbel

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